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Gelesen von Christoph Müller

Auf dem Bahnsteig eines Hauptbahnhofs in einer rheinischen Großstadt sitze ich. Ich warte – auf den Zug, der mich nach Hause bringen soll. Es ist Geduld nötig, die Deutsche Bahn verspätet sich. Die Frage, wieso die Verspätung zustande kommt, stelle ich nicht. Ich sinniere über das Warten und die Geduld. Und während ich nachdenke, läuft eine Mitreisende an mir vorbei. In ihrer Hand hält sie das Buch „Warten“ von Friederike Gräf. Meine Neugierde steigt, ich gehe nochmals in die Bahnhofsbuchhandlung, kaufe mir das Buch.

 

Enttäuscht werde ich nicht. Denn die Journalistin Friederike Gräf hat ein Buch geschrieben, das einen sozialen und gesellschaftlichen Zugang zum Warten ermöglicht. Mir liegt es näher, phänomenologisch und psychologisch das Warten zu erkunden. Trotzdem gelingt es Friederike Gräf, mich an das Buch zu binden. Als ich die Haustür erreiche, ist die Aufmerksamkeit konsequent bei der Lektüre geblieben.

Alltäglich ist das Warten. Dies muss Anstoß sein, das Warten als Stück der Lebenskultur in das eigene Leben zu integrieren. Mit Friederike Gräfs Buch „Warten“ in der Hand sind erste Schritte getan. Sie gewinnt dem Warten viel Positives ab. Beispiel: „Wer freiwillig wartet, strahlt eine Zuversicht aus und eine Freiheit von der steten Furcht, etwas zu verpassen, die den Eiligen abgeht.“ (10)

Natürlich denke ich an den Naturismus in diesem Kontext. Was bedeutet die Einfachheit und Anspruchslosigkeit, die von vielen Naturistinnen und Naturisten auf den Vereinsgeländen und Campingplätzen gelebt wird ? Wer aus eigenem Antrieb Entschleunigung lebt, sich auf das Naturistengelände zurückzieht, die unverhüllte Nähe zur Natur sucht, der hat die Chance, ein Gefühl der Freiheit zu leben, das vielen Zeitgenossinnen und Zeitgenossen abgeht.

Gräf berichtet davon, dass die Franzosen in früheren Zeiten „salles de pas perdus“ genannt haben – „Saal der verlorenen Schritte“. Man mag sich dem Negativismus der französischen Weltsicht nicht anschließen. Schließlich erleben die Naturistinnen und Naturisten das Nutzen der eigenen Handbremse als einen Gewinn – für Körper, Geist und Seele.

„Warten ist ein unspektakulärer Zustand, aber die Art, wie man ihn erlebt, ist ein interessanter Indikator für gesellschaftliche und individuelle Verfassungen.“ (16) Recht hat die Autorin Gräf. Jede(r) mag sich an eigene Warteerlebnisse erinnern, aber auch an so manchen Diskurs über das Warten in der Familie oder im Freundeskreis. Auch wenn das Warten kein Spektakel ist, so gibt es immer viele Emotionen um das Warten herum.

In den Geschichten, die Friederike Gräf erzählt, aber auch in den Interviews, die sie unter anderem mit der Schauspielerin Victoria Trauttmansdorf, der Prostituierten Leyla Belloumi und der Partnervermittlerin Ulrike Grave führt, wird offenbar, dass Warten und Geduld nicht mehr zeitgemäß zu sein scheint. Die Expertinnen und Experten des Wartens können nur als mahnende Rufer verstanden werden.

„Warten ist kein dramatischer Zustand, er eignet sich nur begrenzt für Heldengeschichten.“ (19) Mit dem Bezug auf das Warten in der Literatur schreibt Gräf diesen Satz. Er weckt Sympathie, er weckt Komplizenschaft. Warten tut niemand gerne. Warten kann jedoch kultiviert werden. Vielleicht mag es den Naturistinnen und Naturisten gelingen, eine solche Sichtweise in das eigene Denkgebäude zu integrieren – als Antidot zur Stressgesellschaft.

So sitze ich zu später Stunde, nach dem Abendbrot und dem familiären Zusammenkommen mit Friederike Gräfs Buch Warten auf dem Sofa. Ich freue mich einfach, dass die Journalistin dieses Buch geschrieben hat. Es ist eine leise Stimme, aber eine wichtige Stimme. Ich habe sie gehört und hören wollen. So kann ich geduldig und gelassen den Weg zum Bett finden.

Friederike Gräf: Warten – Erkundungen eines ungeliebten Zustands, Ch. Links Verlag, Berlin 2014, ISBN 978-3-86153-763-2, 187 Seiten, 14.90 Euro.