Aktuell

Hier kann ich FSG

                fsg-jugend

            Mitglied werden

Reinhard Krüger: Der Stinkefinger – Kleine Geschichte einer wirkungsvollen Geste, Galiani Verlag, Berlin 2016, ISBN 978-3-86971-123-2, 175 Seiten, 16.99 Euro.

Jetzt einmal Hand aufs Herz. Können Sie behaupten, Sie hätten den Stinkefinger nicht einmal einer Zeitgenossin oder einem Zeitgenossen gegenüber gezeigt ? Ist es Ihnen nicht einmal so ergangen, dass Sie es gedanklich getan haben ? Es wäre fast unglaublich. Allzu alltäglich taucht der Mittelfinger als scheinbares Zeichen der Missgunst und Verärgerung auf. Umso erstaunlicher ist es, dass der Romanist und Gestenforscher Reinhard Krüger die kulturgeschichtliche Bedeutung des Stinkefingers in seinem Buch „Der Stinkefinger – Kleine Geschichte einer wirkungsvollen Geste“ aufgearbeitet hat.

Die Augen reibt man sich, wenn man davon erfährt, dass der gestreckte Mittelfinger gerade im griechischen Kontext deutlich weniger Bedeutung hat als im westeuropäischen Raum. So liest sich eine Überlegung von Reinhard Krüger deutlich emotionsarmer als die Mittelfinger-Geste im westeuropäischen Kontext provoziert: „Zur Erforschung der Gesten gehört nicht nur die Untersuchung der Verschiedenheit ihrer Artikulation und verschiedenen Kulturen, sondern auch die Veränderung ihrer Form und ihrer Bedeutung im Laufe der Geschichte. Das ist nicht leicht, denn körpersprachliche Handlungen, beispielsweise ein Kopfschütteln, hinterlassen im Raum und in der Zeit keinerlei dauerhaft sichtbare Spur.“ (S.21)

Aufhorchen lässt unter anderem, dass nach den Recherchen Krügers derjenige symbolisch den erigierten Penis zeigt, wer den ausgestreckten Mittelfinger zeige. Das Phalluszeigen gehöre schon bei den nicht menschlichen Primaten zum Machtgebaren, so schreibt Krüger. Diesen Gedanken im Hinterkopf lässt darüber nachdenken, wie dynamisch eine menschliche Interaktion sein muss, in die hinein ein Stinkefinger gezeigt wird. Oder positiv formuliert: der zeitgenössische Mensch könnte sich überlegen, ob er nicht die im Stinkefinger gezeigte Energie in eine positiv gestaltete Kommunikation steckt.

Krüger geht bis in die altgriechische und römische Historie zurück, um zu zeigen, wie bedeutungsvoll die Mittelfingergeste durch die Zeiten hindurch gewesen ist. Er schaut auch nach Marokko und in die Karibik, um die Bedeutsamkeit zu veranschaulichen. Gleichzeitig wird auch offenbar, welche anderen beleidigenden Gesten in den Kulturen gezeigt werden. Mit dem Rückgriff auf den Sprachwissenschaftler Hans Martin Gauger erwähnt Krüger, dass es einen deutlichen Bezug zum Bereich der Exkremente und Analität gibt. Die deutsche Sprache habe die meisten Schimpfwörter aus diesem Bereich gebildet.

Krüger thematisiert auch die Mittelfingergeste als kollektive Äußerung oder interpretiert sie als „gestische Telekommunikation auf dem Fußballplatz“. Er zeigt auf, dass auch in Zeiten der Globalisierung und Medialisierung der Stinkefinger seine Bedeutung nicht verliert, sondern lediglich der Zeit anpasst. Krügers Interpretation des für das Nasebohren genutzten Mittelfingers des Musikers Frank Zappa provoziert nicht nur ein Grinsen. Es zeigt, wie wichtig diese Geste sein kann: „Hier handelt es sich aber nicht nur um einen schadensabwehrenden Einsatz des Mittelfingers, sondern um ein Signal, um ein Zeichen an das Publikum, mit dem Zappa seinen rebellischen, alle sozialen Konventionen brechenden Habitus demonstrieren will.“ (S.140)

Reinhard Krügers Buch „Der Stinkefinger“ lässt uns anders den Mittelfinger gebrauchen – mit einem Lächeln im Gesicht. Ein aufschlussreiches kulturhistorisches Essay.

Christoph Müller