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"Mehr als Camping und Currywurst"

Gelesen von Christoph Müller

Den Naturismus zu leben ist eines. Sich mit der Freikörperkultur inhaltlich zu beschäftigen ist ein anderes. Wer die Freikörperkultur in der Weise erlebt, dass sie mehr als Camping und Currywurst ist, derjenige wird das eine tun und das andere nicht lassen. Vor allem wird er eine Symbiose herstellen wollen.

Einen Schritt in diese Richtung ermöglicht das Buch "Leib und Leben - Perspektiven für eine neue Kultur der Körperlichkeit". Es wird den ein oder anderen irritieren, dass ein theologisch-philosophisches Buch als Hinweisschild für das eigene naturistische Selbstverständnis genommen werden kann. "In vielen gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Debatten scheint ungeachtet dessen die Leiblichkeit des Menschen immer mehr ins Abseits zu geraten, Der Leib wird mit einer instrumentell - technologischen Brille betrachtet oder ganz vergessen ..." (10)

Dem naturistisch denkenden und fühlenden Menschen muss diese Denkweise sympathisch erscheinen. Denn Martin Hähnel und Marcus Knaup sowie die vielen anderen Autorinnen und Autoren setzen auf das Mehr, das der Diskurs zu Körperlichkeit und Leiblichkeit zutage bringt, wenn man sich ihm stellt.

Was ist denn mit Leiblichkeit und Körperlichkeit gemeint ? Wer mit Regine Kather den menschlichen Leib als "Medium der kommunikation und der Partizipation" aufspürt, wer mit Marcus Knaup "Leib, Leben und Sinnlichkeit des Menschen" in einen ZUsammenhang bringt, wer mit wer mit Hanna - Barbara Gerl - Falkovitz über "Leiblichkeit und Gender" nachdenkt, derjenige bekommt einen Sinn dafür, dass Freikörperkultur mehr sein kann als ein Sich-Entkleiden in der freien Natur.

Harald Seubert schreibt über das "Zuhause- Sein im Leib". Seubert stellt fest, menschliche Natur sei "eine Gegebenheit, die nicht beliebiger Manipulation anheimgestellt ist" (74).  Was dies für den zeitgenössischen Mensch heißt, bleibt offen. Thomas Fuchs unterscheidet zwischen Körper-Haben und Leib-Sein. Die Differenz zwischen dem Materiellen sowie dem Lebendigen, Gelebten und Gespürten ist eine Unterscheidung, zu der sich ein Diskurs sicher lohnt. Eine Möglichkeit, wie der gelebte Leib zum gegenständlichen Körper werden kann, sei der Blick der anderen. Der Leib erhaölte eine Außenseite. er werde zum Körper für Andere, "nämlich in der Weise des Erblicktwerdens, aber auch des bewussten Auftretens und Sich-Darstellens vor anderen, sei es in der willkürlich eingenommenen Pose, sei es in Form von Schmuck, Kosmetik oder Tätowierung". (85)

Es macht demnach wenig Sinn, in den Tag hinein zu leben. Der Gegenwartsmensch ist aufgefordert, in sich hinein zu blicken, sich zu reflektieren und eine persönliche Positionierung zum Körper-Haben und Leib-Sein zu finden. Schließlich hängen ganz alltägliche Haltungen des Einzelnen davon ab. Wenn Thomas Fuchs über "Moderne Körperinszenierungen" schreibt, stellt er fest: "All die mühevolle Arbeit am eigenen Körperbild erzeugt am Ende nur ein mechanisches Resultat, denn der modellierte Körper ist das Gewordensein und nicht mehr das Werden, das fixierte Haben und nicht das lebendige Sein." (91)

Diese Form der Interpretation stellt die Frage in den Raum, was dies mit der Freikörperkultur im eigentlichen Sinne zu tun hat. Lebenskultur und Lebenskunst sind Aufgaben, die jeder selber Tag für Tag zu bewältigen hat. Das Buch "Leib und Leben" bremst den Menschen ein, ruft zum Luftholen und zur Introspektion auf. Solche Aufsatzbände sollte es mehr geben.

Martin Hähnel / Marcus Knaup (Hrsg.): Leib und Leben - Perspektiven für eine neue Kultur der Körperlichkeit, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2013, ISBN 978-3-534-25933-5, 260 Seiten, Euro.