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Nacktheit fernab des Schlachtfelds“

 

Gelesen von Christoph Müller

 

Soldaten in Uniformen, Soldaten in Schützengräbern, Soldaten mit den Gewehren unter den Armen – dies sind Motive, die uns hinlänglich vertraut sind. Dass es fernab der Schlachtfelder eine nackte Realität der Soldaten gibt, ist eigentlich nicht im gesellschaftlichen Bewusstsein. Bislang nicht gezeigte Fotografien nackter Männer hat die Herausgeberin Dian Hanson nun aus verstaubten Kisten geholt.

 

Während man sich durch das Buch „My Buddy“ blättert, bekommt man das Gefühl, dass Dian Hanson etwas Richtiges gemacht hat. Denn es zeigt die Verletztlichkeit scheinbar harter Kerle. Es ist die in einem Binnengewässer badende größere Menge junger Männer, die unschuldig das Wasser um ihre entblößten Körper genießen. Es sind die nackt am Strand sich erholenden Kriegskämpfer, die einen eigenen Eindruck hinterlassen. Und es sind die auf dem Donnerbalken, wie auf der Vogelstange hockenden Jungs, die dem Fotografen den mehr oder weniger knackigen Hintern entgegenstrecken.

 

Der Betrachter stellt sich beim Durchblättern des ungewöhnlichen Buchs die Frage, welchen Sinn es den gemacht hat, Soldaten im Adam – Kostüm abzulichten. Es hat sicher etwas Spielerisches bzw. Verspieltes, das Männern zu eigen ist, wenn sie sich von den Mühen des Alltags erholen wollen. Es hat vielleicht auch etwas Verdrängendes, wenn die Kraft und die Mühe des Krieges für wenige Stunden abgelegt werden kann. Auf jeden Fall haben die vielen Bilder keine sexuelle Komponente. Auf zahlreichen Fotografien zeigt sich, dass die jungen Männer, die gemeinsam an der Front kämpfen, eine persönliche Bindung pflegen. Dies hat auch psychologische Gründe gehabt, wie es im Buch dokumentiert wird: „Das Einzige, was die Zahl psychischer Zusammenbrüche im Feld tatsächlich in Grenzen zu halten vermochte, war eine enge persönliche Bindung zwischen den Frontsoldaten. Die politische Weltanschauung gilt im Angesicht des Gegners wenig, allein der Wunsch, den Kameraden beizustehen, hilft einem Mann, die Linie zu halten.“ (25)

 

Wer sich dem Naturismus verbunden fühlt, der schätzt es, dass Nacktheit auch einmal ausschließlich männlich zu existieren scheint. Es zählt keine Ästhetik. Es zählt keine Schönheit. Es zählt das Leben, wie es ist. Der Herausgeberin Hanson ist bewusst, dass etwas Sakrosanktes berührt wird. So steht geschrieben: „Diese unbeschwerten Bilder werden manche Menschen brüskieren, all jene etwa, die durchdrungen sind vom Hohelied der Greatest Generation. Ihnen wird es nicht gefallen, dass ihre Helden hier so unverblümt menschlich zu sehen sind … Ihnen kann ich nur mit der Maxime der Naturisten antworten:Nacktheit ist der große Gleichmacher.“ (30)

 

Der Fotograf Michael Stokes hat über viele Jahre hinweg diese seltenen Fotografien gesammelt. Es ist ein Beweis dafür, dass eine individuelle Kreativität für die Gesellschaft einen großen Dienst tun kann. Denn das Buch „My Buddy“ relativiert auf seine ganz eigene Weise die Legenden über den Krieg und das soldatische Leben. Wenn unbekleidete Soldaten die Jeeps putzen, geraten Helden-Stories einfach in Vergessenheit.

 

Es ist gleichzeitig auch der Witz und der Esprit, der das Anschauen der Fotos zu einem einzigartigen Erlebnis macht. Die in einer Reihe vor schweren Lastkraftwagen pinkelnden Kerle grinsen in die Linse. Ungewöhnliche Blicke, seltene Einblicke – diese Chance bietet „My Buddy“. Das Mannsein und das Menschsein gibt mehr her als dasjenige, was wir vordergründig vermitteln wollen.

 

Dian Hanson: My Buddy - World War II Laid Bare, Taschen Verlag, Köln 2014, ISBN 978-3836547963, 320 Seiten, 49.99 Euro.