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Gelesen von Christoph Müller

Es hat Zeiten im Leben von Daniel Schreiber gegeben, in denen er übermäßig Alkohol getrunken hat. Von diesen Zeiten schreibt der Journalist Schreiber in seinem Buch „Nüchtern“. Er berichtet vor allem von seinem Tag für Tag wiederkehrenden Kampf, die alltägliche und allgemein akzeptierte Droge Alkohol zu akzeptieren.

Schreibers Buch „Nüchtern“ ist ein Plädoyer dafür, nicht in der großen Menge mitzuschwimmen, die das Trinken von Alkohol zu einem Genuss verklärt. Verklärung oder Romantisierung des Trinkens ist nicht die Sache Schreibers. Er erzählt, wie schwer es fällt, die Finger vom Glas oder der Flasche zu lassen.

Man mag emotional sicher nicht erahnen, was die Worte bedeuten: „Die Wahl zwischen dem Trinken und dem Nichttrinken gibt es immer. Nur hat man sie als Abhängiger meistens nicht. Dafür laufen in unserem Unbewussten ab, zu viele Entscheidungen haben wir schon lange getroffen, bevor wir auch nur eine Sekunde darüber nachgedacht haben. Doch jeder Abhängige, jeder Trinker kennt sie, diese Momente der Klarheit. Jene Momente, in denen ein Lichtstrahl durch die dicke Schicht des Selbstbetrugs bricht, jene erschreckenden Momente, in denen man mit seinem ganzen Körper spürt, dass hier etwas schiefläuft.“ (148)

Die Lektüre von Daniel Schreibers „Nüchtern“ - Buch lässt niemanden unberührt. Jeder Gang in Restaurant oder Kneipe, jeder Griff in das Wein-oder Spirituosenregal im Supermarkt um die Ecke geschieht anschliessend mit einer ungeahnten Nachdenklichkeit. Man könnte meinen, dass ein Buch über die wieder gewonnene Nüchternheit moralinsauer sein könnte. Diese Strategie vermeidet Schreiber.

Schreiber bemüht sich, Optimismus in seinem Buch zu verbreiten. Selbst an den Stellen, an denen er über das Scheitern schreibt, sucht er nach den positiven Aspekten. Scheitern bedeute immer auch Freiheit, versucht er zu überzeugen. Man müsse die Möglichkeiten des eigenen Scheiterns akzeptieren, um die Angst vor dem Scheitern anzugehen. Man müsse vertrauen lernen, dass Scheitern kein Weltuntergang sei.

Dies klingt nach der volkstümlichen Überzeugung, dass das Leben kein Waldspaziergang sei. Ja, es kann nicht gelingen, wenn demselben miesepetrig begegnet wird. Schreiber lächelt dem Leben und der Abhängigkeit freundlich und aufgeschlossen entgegen. Diese Gelassenheit bleibt ihm sicher, da er um die Tragweite der Alkoholabhängigkeit, aber auch um die Schönheit der Nüchternheit weiß.

Phänomenologisch steht die Schönheit des Nüchternseins dem scheinbaren Gag des grenzenlosen Trinkens gegenüber. Dies ist in der zeitgenössischen Gesellschaft ein unverzichtbares Gegensatzpaar, das es in seiner Polarität zu überdenken gilt. Alkohol muss halt keine Selbstverständlichkeit sein. Erst recht nicht nach der Lektüre des Buchs „Nüchtern“.

 

Daniel Schreiber: Nüchtern – Über das Trinken und das Glück, Hanser Verlag, Berlin 2014, ISBN 978-3-446-24650-8, 160 Seiten, 16.90 Euro.