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100 Jahre Freikörperkultur 

Von Michael Gotthardt

Was heutzutage an warmen Sommertagen an unzähligen Badeseen oder am Meer in unserem Lande und - mehr oder weniger – über den ganzen Globus verstreut fast überall kein ungewohnter Anblick mehr ist, nämlich das textilfreie Vergnügen in Luft, Sonne, Strand und Wasser und allein in unserem Land von – wie man behauptet – Millionen zählenden Menschen ausgeübt wird, musste vor 100 Jahren und noch lange danach gegen viele Vorurteile seitens Regierung, Kirche und auch im Volke erst erkämpft und erstritten werden.
 

  Zwar war dem Menschen der unverhüllte Körper auch schon in früheren Zeiten nicht fremd, so war er in diesem Zustand in der Regel festgelegter und traditioneller Veranstaltungen, wie z. B. während der Wettkämpfe im antiken Griechenland.

Auch volkstümliche Riten wie beispielweise Frühlingsfeiern mit der Teilnahme unbekleideter Mädchen oder Jungfrauen fanden im fortgeschrittenen Mittelalter statt.

Aber all diese Gebräuche kann man nicht mit der hier zu behandelnden Freikörperkultur gleichsetzen, deren ersten vorsichtigen Ansätze im 19. Jahrhundert zu suchen sind.

Was der englische Lord Montboddo im 18. Jahrhundert, der Student Johann Wolfgang von Goethe und möglicherweise zahlreiche Unbekannte sicherlich schon vorher praktizierten, nämlich in unbekleidetem Zustand Gesundheit und Freude zu frönen, setzten erst einzelne Zeitgenossen langsam in Bewegung, die dieser Betätigung noch recht eigenbrötlerisch und zuweilen sektiererisch nachgingen.

So sei hier der Lebensreformer und Maler Karl Wilhelm Diefenbach genannt, der im hessischen Städtchen Hadamar als Sohn des Malers Leonhard Diefenbach im Jahr 1851 geboren ,durch seinen 64 m langen Wandfries „Per aspera ad astra“ damals einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangte.

Er stellte u.a. silhouettenartig unbekleidete Kinder bei fröhlichem Spiel dar, wobei ihm die Kinder eines seiner Schüler, Hugo Höppener, bekannter unter dem Namen Fidus, als Modelle dienten.

 
Da dieses Tun der öffentlichen Moral zuwiderlief, musste sich Diefenbach mit seinen Anhängern in ein einsames Tal, namens Höllkriegelsreuth zurückziehen, um polizeilicher Verfolgung zu entgehen.

Weitere Stationen Diefenbachs waren Wien und zu guter letzt die italienische Insel Capri, wo er im Jahre 1913 verstarb.

Der oben erwähnte Fidus ging seinem Lehrmeister künstlerisch schon früh zur Hand, da Diefenbach durch eine Typhuserkrankung in seiner praktischen Tätigkeit gehandicapt war.

So malte Fidus den Fries „Per aspera ad astra“ zuende, bevor er später künstlerisch seinen eigenen Weg ging und von dem darüber enttäuschten und verärgerten Diefenbach von „Fidus“, dem Getreuen ,in „Infidus“, den Ungetreuen umbenannt wurde. Fidus hatte noch eine längere Schaffensperiode vor sich, die thematisch und ideologisch uneinheitlich verlief.

 

 

Von Michael Gotthardt

 

Welcher inzwischen der Großvätergeneration angehörige Normalbürger weiß etwas mit diesem Künstlernamen anzufangen? Dabei zierte kurz nach der Wende zum 20. Jahrhundert in fast jedem Wohnzimmer sein wohl bekanntestes Werk „Lichtgebet“ die Wand.

  Hugo Höppener, wie sein richtiger Name lautet, wurde am 8.6.1868 als zweites Kind eines Konditormeisters in Lübeck geboren.

Wie auch schon sein Lehrmeister Karl Wilhelm Diefenbach blieb auch Fidus in seiner Jugend nicht von Krankheit verschont (infolge einer Impfung Lupusleiden an den Füßen). Dies sollte jedoch kein Hindernis sein, später einmal bekannter als sein Lehrmeister zu werden.

Fidus, zunächst als Helfer und Schüler seines Meisters diesem auch in seinem Malstil ähnlich, setzte nach Streitigkeiten mit diesem (aus „Fidus“, dem Getreuen wurde „Infidus“, der Untreue) seinen eigenen Stil in Szene, der durch künstlerischen Unterricht in Lübeck und später an der Akademie der Künste in München mitgeformt wurde.

Er illustrierte Zeitschriften und Bücher, schuf Exlibris und Gebrauchsgrafik. Seine Krankheit hatte er mittlerweile durch eine vegetarische Lebensweise auskuriert, was gänzlich der damaligen Reformbewegung entgegenkam.

Im Kunstgewerbemuseum Hamburg fand 1893 seine erste Ausstellung statt und dies mit Erfolg. Überhaupt begann danach sowohl künstlerisch als auch privat für Fidus eine Aufstiegszeit.

Privat verband sich Fidus ohne Eheschließung mit Amalie Reich, drei Jahre später wurde Tochter Hilde geboren. 1900 heiratete Fidus Elsa Knorr, der Tochter Trude (später bekannt als Drude, nach der auch ein Buch benannt wurde) im Dezember geboren wurde. Zwei Jahre später folgte Sohn Holger.

Zu Anfang des 21. Jahrhunderts Fidus künstlerisch einzuordnen, ist sehr schwierig.

Ein Blick in den Jahresband der „Schönheit“ 1925 lässt uns erstaunen. Da stellt ein Dr. Bruno Wille Fidus auf eine Stufe mit Künstlern wie, so zitiert er, Leonardo, Dürer, Dante, Goethe, Schiller oder Wagner.

Bei aller Wertschätzung für das Fidus – Werk lag der Verfasser dieser Zeilen rückblickend doch ein ganzes Stück daneben. Es ist ein bezeichnendes Beispiel dafür, wie sich Geschichte und Kultur innerhalb von Jahrzehnten in der Bewertung ändern können.

Erst zeitlicher Abstand ermöglicht eine gewisse Objektivität. Der Betrachter würde heute seine Werke irgendwo zwischen Jugendstil und Kitsch ansiedeln.
 

Fidus lässt sich auch in seiner geistigen Einstellung nicht in eine bestimmte Schublade einordnen. Er war Vertreter einer moderaten Anarchie, er liebäugelte mit der Theosophie, einer mystischen Religionslehre, er lehnte sich stark an germanische Elemente und Ästhetik an und war ein Verfechter von Vegetarismus, Naturheilkunde und Ausdruckstanz.
  Spätestens an dieser Stelle wird der Leser denken, was das wohl alles mit der Geschichte der Freikörperkultur zu tun habe. Nun, zu Anfang des 20. Jahrhunderts galt es erst einmal, Widerstände gegen die Darstellung des nackten Körpers zu überwinden.

Anfangs geschah dies, indem man nackte Skulpturen in Anlehnung an die antike Kunst schuf, später malte Diefenbach seine nackten Figuren nur in Schattenrissen, erst Fidus und weniger bekannte Künstler wie Franz Müller – Münster, W. Müller Schoenefeld, Franz Stassen, Franz Lechleitner, Oskar Popp und Hanni Schwarz befassten sich allmählich mit dem nackten Körper in Zeichnung, Malerei und Photografie.

Nur am Rande erwähnt, weil nicht hierher gehörig, seien die ersten pornografischen Lichtbilder, die natürlich sofort mit der Entdeckung der Fotografie in geheimen Zirkeln kursierten.

Ebenso wenig kann man Fotografen wie Wilhelm von Gloeden, seinen Cousin G. Plüschow, Vincenzo Galdi oder Dr. Ch. Stratz zu Vertretern bzw. Vorläufern der FKK zählen, da sie entweder im Ausland ungestört ihren Beschäftigungen und Neigungen nachgingen oder ihre Nacktfotos medizinischen Zwecken widmeten.


Genauso wenig haben hier die Fotografen etwas zu suchen, die zu Anfang des vergangenen Jahrhunderts unter dem Vorwand der ethnologischen Forschung Nacktbilder von „Wilden“ oder auch „Weißen“ veröffentlichten. All diese „Lichtbildner“ könnte man eventuell in einem späteren Kapitel gesondert behandeln, was dann allerdings nichts mehr mit der eigentlichen Thematik dieser Reihe zu tun hat.

Nach diesem kleinen Exkurs sollten wir jedoch zu Fidus zurückkehren und sein weiteres Leben bis zu seinem Tode am 23.2.1948 in Woltersdorf beleuchten.