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"Dokumentationsstätte Ausweichsitz der Landesregierung NRW" blickt zurück

Wer kann sich vorstellen, dass dem Ministerpräsidenten des Landes Nordrhein- Westfalen 30 Tage lang lediglich Essen aus der Konservendose serviert wird ? Wer die "Dokumentationsstätte ehemaliger Ausweichsitz der Landesregierung NRW" besucht, der wird so ungewöhnliche Nachrichten erfahren. In die Beschaulichkeit der Eifel hatten die politisch Verantwortlichen in den 1960er Jahren einen Bunker gebaut, in dem 200 hochrangige Beamte Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung nach einem atomaren Schlag organisieren sollten.

Der Besuch der Dokumentationsstätte "Ausweichsitz der Landesregierung NRW" ist nicht nur eine Rückschau auf die Zeit des Kalten Krieges. Dort begegnen dem Besucher auch technische Errungenschaften der 1960er und 1970er Jahre, die Kinder und Jugendliche der heutigen Zeit gar nicht mehr kennen. Vor Telefongeräten mit Wählscheiben und Nachrichtentickern stehen die jungen Menschen mit staunenden Augen.

Die Funktion des "Ausweichsitzes der Landesregierung NRW" wäre im Falle eines atomaren Schlags der Staaten des Warschauer Paktes ein anderer gewesen als des "Regierungsbunkers" in Bad Neuenahr - Ahrweiler. Während der Regierungsbunker die Bundesregierung und viele hochrangige Beamte geschützt hätte, so wäre die Aufgabe des "Ausweichsitzes" vor allem die Koordination und Organisation des Katastrophenschutzes gewesen. In Bad Neuenahr - Ahrweiler erlebt der Besucher den Gang durch den "Regierungsbunker" noch aus einer historischen Distanz. Dies fällt in Kall - Urft schon schwerer. Denn die Museumsführer nehmen die Besucher mit in die vergangene Zeit, indem sie die Besucher zu Mitarbeitern des Katastrophenschutzes erklären.

Das Erstaunliche am "Ausweichsitz der Landesregierung NRW" ist, dass die Anlagen in dem Bunker weitgehend noch heute funktionstüchtig sind. Es findet sich dort nicht nur ein Studio des Westdeutschen Rundfunks, das im Katastrophenfall gesendet hätte. Es wird erläutert, wie die Luftzufuhr in den Bunker im schlimmsten Falle funktioniert hätte. Es wird ebenso veranschaulicht, wie aussichtslos die Evakuierung von Bürgerinnen und Bürgern im Rheinland gewesen wäre, wenn im Ruhrgebiet Atombomben explodiert wären.

Der Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen wäre der einzige im Bunker gewesen, dem ein Einzelzimmer gegönnt worden wäre. Es wäre ein Alltag mit vielen potentiellen Reibungsflächen gewesen. Es ist nicht nur so, dass die zu treffenden Entscheidungen jedem im Bunker Handelnden bis an die eigenen Grenzen belastet hätten. Die Funktionsfähigkeit des "Ausweichsitzes der Landesregierung NRW" hätte im Fall des Falles stets 24 Stunden täglich sichergestellt werden müssen. Dies hätte die Organisationsfähigkeit der Menschen auf die Probe gestellt. Den üblicherweise auftauchenden Lagerkoller nicht in Erwägung ziehend. Die Essenszeiten hätten so organisiert werden müssen, dass stets der Auftrag erfüllt worden wäre.

Vieles geht dem Besucher während der zweieinhalbstündigen Führung durch den ehemaligen Bunker durch den Kopf. Es ist nicht nur die Absurdität militärisch - kriegerischen Denkens und Handelns, die abwegig erscheinen. Es erscheint mehr als absurd, welcher Aufwand in den damaligen Jahren betrieben worden ist, um aussichtslosen Situationen begegnen zu können. Wichtig erscheint heute und auch in Zukunft die Erinnerungsarbeit. Denn durch die Spürbarkeit dieser historischen Erfahrungen bleibt hoffentlich die Sensibilität für den Frieden erhalten. Umso höher ist zu schätzen, dass die Arbeit der "Dokumentationsstätte Ausweichsitz der Landesregierung NRW" privatem Engagement geschuldet ist.

Übrigens kommt auch die Auflösung ans Licht, wieso denn hochrangige Politiker und Beamte nur Mahlzeiten aus Konservendosen gegessen hätten. Was hätten sie mit dem Müll von frischer Nahrung machen sollen ? Was nicht aus dem Bunker hätte herausgeschafft werden können, hätte zu Müllgeruch im Bunker gesorgt, der angespannte Situationen sicher noch mehr belastet hätte.

www.ausweichsitz-nrw.de

Christoph Müller (Familien-Sport-Gemeinschaft Nordrhein-Westfalen)

Fotos: Sascha Kelschenbach